Zur Postgeschichte der Rigi

In der «Postgeschichte» Nr. 2, S. 6/7 habe ich etwas voreilig die Angaben der bisher vorhandenen Literatur übernommen, als ich schrieb, dass die Gesellschaft Regina Montium «schon nach einem Jahr Konkurs gemacht» habe. Die Unterlagen, die sich zwischenzeitlich im Staatsarchiv Luzern fanden (StAL HA 104), zusammen mit Angaben aus den Ratsprotokollen von Luzern ergeben ein doch recht vielseitigeres Bild des Unterganges dieser gigantischen Wirtschaftsillusion des ausgehenden 19. Jahrhunderts, welche die Rigi total vermarkten wollte.
1. Die «Statuten der Regina Montium, Gesellschaft für Bau und Betrieb von Eisenbahnen, Gast- und Pensionshäusern auf der Rigi», gedruckt in Basel und datiert vom 19. Febr. 1873 setzt das Aktienkapital auf sage und schreibe 10 Millionen Franken fest (Art. 4), eingeteilt in 20'000 auf den Inhaber lautende Aktien von je Fr. 500.-. «Hievon werden 6000 Actien oder 3 Millionen Franken sofort, der Rest je nach Bedarf... ausgegeben».
Das Gründungscomite besteht weder aus Träumern noch aus zwiespältigen Spekulanten, sondern aus der Internationalen Gesellschaft für Bergbahnen, Basel, der Basler Handelsbank, Iselin & Stähelin Basel, Rudolf Kaufmann Basel, Benedict La Röche Basel, Oswald Gebrüder & Cie Basel, Aargauer Creditanstalt Aarau, Creditanstalt Luzern, Rigibahn Gesellschaft Luzern, Dagobert Schumacher Fürsprech in Luzern, Jost Weber Regierungsrath Luzern, Adelrich Benziger Commandant in Einsiedeln, Damian Camenzind Landammann in Gersau, D.C. Gemsch Cantonsgerichtspräsident von Schwyz, A. Horath Bezirksammann in Brunnen, Joseph Müller Eigenthümer von Hotel und Pension Müller in Gersau, Deutsche Vereinsbank, Deutsche Effectenund Wechselbank, Internationale Bauund Eisenbahnbaugesellschaft -- alle drei in Frankfurt a.M. - G. Müller und Consorten in Carlsruhe und Gebrüder Zimmern in Heidelberg.
Auffallend ist, dass die Gebrüder J. u. C. Bürgi, die ihre Hotels auf Rigi Kulm an die Regina Montium verkauft haben, weder im Initiativkomitee noch im Verwaltungsrat der Regina Montium erscheinen, während der Hotelier Müller von Gersau sein Scheideck-Hotel in die Gesellschaft eingebracht hat und dort auch besonders für die Eisenbahn Kaltbad-Scheideck aktiv tätig blieb. Auffallend auch, dass kein einziges Zürcher-Unternehmen zum Gründerkomitee gehört, wenn man bedenkt, dass ja vor allem die Zürcher bisher mit der Rigi aufs engste verbunden waren.
Aus dem «Ersten Geschäftsbericht des Verwaltungsrathes der Regina Montium für das Jahr 1873» gedruckt in Basel, datiert Gersau 7. März 1874, unterzeichnet von D.C. Gemsch, Präsident, ersieht man die bisherigen Erwerbs- und Bautätigkeiten der Gesellschaft bis zum 31. Dez. 1873:

An diesem Geschäftsbericht fällt auf, wie viel Stolz noch in der Darstellung von Erwerb und Tätigkeiten des ersten Jahres steckt, wie zurückhaltend die gegenwärtige Situation beurteilt und wie vorsichtig die Zukunft gesehen wird: «Wir gedenken diese Summe (3'000'000.-) theils durch eine gelegentlich unter günstigen Verhältnissen vorzunehmende zweite Actienemmission ... zu beschaffen». Die neuen und schlechteren wirtschaftlichen Verhältnisse nach dem Deutsch-Französischen Krieg sind hier deutlich zu spüren. Nebenbei: 1874 hat die Nordostbahn die Strecke Zürich Sargans-Chur eröffnet und am 4. Juni 1875 erfolgte die Eröffnung der Bahn Arth-Goldau-Rigi.
An der ausserordentlichen Generalversammlung vom 9. Nov. 1875 wird noch eine Statutenrevision zur Beschaffung von mehr Mitteln (Obligationen, Verpfändungsmöglichkeit) beschlossen, doch schon im Frühjahr 1876 geht die Regina Montium in einer Auffanggesellschaft unter. Sie heisst:
2. «Betriebs-Gesellschaft der Rigi-Hotels Hotel Rigi-Kulm, Rigi-First und Rigi-Scheidegg und der Eisenbahn Kaltbad-Scheidegg».Statuten gedruckt, im Anhang das «Übereinkommen zwischen der Gesellschaft Regina Montium und der Betriebsgesellschaft der RigiHotels», datiert vom 18. Februar 1876. Das Aktienkapital beträgt Fr. 600'000.- und Ziel der Gesellschaft ist es, das Unternehmen bis 1879 zu liquidieren.
Die Handelskammer Luzern, welche die neuen Statuten der Betriebsgesellschaft zu Händen des Departements der Staatswirtschaft des Kantons Luzern zu begutachten hatte, schreibt dazu unter dem 18. Mai 1876: «Der Erstellungswerth der erworbenen Objekte belief sich ... lt. Rechnung der Regina Montium auf Fr. 6'378'669.66. Man sollte nun hoffen können, dass für das um mehr als 3 Millionen verminderte Anlagekapital eine befriedigende Rente aus dem Betrieb der 3 Hotels und der Scheidegg-Eisenbahn zu ziehen wäre». Und da die Betriebsgesellschaft «nach dem Vorgefallenen kaum neue Gläubiger zu schädigen im Falle sein wird», stehe der Genehmigung der Statuten nichts im Wege (StAL HA 104).
Doch auch das ging nicht gut. Die Verhältnisse hatten sich zu sehr geändert. Bezeichnend dafür ist auch die Notiz im Ratsprotokoll vom 23. August 1876 (StAL RR 178 S. 211): «Herr Dr. Wuhrmann in Zürich, Namens und im Auftrage der Commission der Aktiengesellschaft in Weggis zieht... das mit Eingabe vom 10. Juli verfl. gestellte Gesuch um Genehmigung der Statuten besagter Gesellschaft für einstweilen zurück».
An der Ausserordentlichen Aktionärsversammlung in Ölten vom 5.1.1878 beschliesst die «Betriebsgesellschaft der Rigi Hotels» die Insolvenzerklärung abzugeben. Mit einem Aktienkapital von Fr. 2'400'000 wird umgehend die
3. «Gesellschaft der Hotels Rigi-Kulm
Rigi-First- und Rigi-Scheidegg» gegründet. Statuten gedruckt, undatiert, genehmigt am 3.2.1879. Die ScheideggBahn ist hier nicht mehr dabei. Sie kam auf die Gant. Im Ratsprotokoll vom 20.12.1878 (StAL RR S. 728) steht: «bei der zweiten Versteigerung der Schmalspurbahn Rigi-Kaltbad-Scheideck vom 7. dies ... (ist) von dem Verwaltungsrate der Rigibahngesellschaft (VitznauKulm) Namens der Letzteren ein Angebot von Fr. lO'OOO- gemacht worden».
Etwas später, am 23. Juli 1879 (StAL RR 184 S. 119) erfahren wir, dass an der 3. Versteigerung «Herr Bankdirektor Coraggioni in Luzern für sich und zu Händen einer neu zu bildenden Aktiengesellschaft» die Bahn übernommen habe. «Kaltbad-Scheidegg-EisenbahnGesellschaft», Statuten gedruckt und datiert vom 28. Juli 1879, Aktienkapital Fr. lOO'OOO.-.
Noch vor der Konstituierung dieser neuen und dritten «Gesellschaft der Rigi Hotels» wurde das Kulm Hotel an die Gebrüder Schreiber und das Scheideck Hotel an Hauser und Stierlin verkauft. Beide Käufer der Rigi Hotels aus dem Nachlass der Regina Montium gaben später noch eigene Hotelmarken heraus. Es verblieb nun nur noch die «Gesellschaft des Hotels Rigi First». Von den Träumen der Regina Montium ist heute nichts übrig geblieben. Alle drei Grand-Hotels auf Kulm, First und Scheideck sind abgerissen, und das Trasse der Kaltbad-Scheideggbahn als Langlaufpiste umfunktioniert. Sicherlich ist die Rigi damit heute wieder erholsamer geworden.