Minimal-Art-Strubel
Unter dem Sammelbegriff «Besonderheiten» sind gemäss Hans F. Hunziker «alle ungewöhnlichen Erscheinungen der Strubel-Ausgaben anzuführen, soweit sie das philatelistische Interesse verdienen.» (1) An Ausstellungen und Auktionen sind diese Spezialitäten unter den Abarten, Abstempelungen, Frankaturen und Destinationen recht häufig zu finden. Bezüglich des Schnittes der Strubelmarken jedoch scheint es nur eine Devise zu geben: je breiter der Schnitt, desto grösser die Besonderheit! (2) Immerhin widmet Hans F. Hunziker in seinem Strubelbuch den privaten Perforierungen von Strubelmarken einige Zeilen und Abbildungen. (3) Mit meinem Bericht möchte ich aufzeigen, dass sich hier noch andere «Besonderheiten» finden lassen.
23 Aa auf Briefstück von Solothurn (16 JULI 55), Stempel blau (5)
22 Aa (2 Stück) auf nachtaxiertem Brief von Solothurn (22 A UG 55) nach Murten, alle Stempel in blau (4)
23 A auf Faltbrief von Solothurn (4 APR 56) nach Messen, alle Stempel in schwarz
25 G (2 Stück) auf Briefstück von Solothurn (15 FEB 60)
Der achteckige Strubel
Die abgebildeten vier Belege weisen alle ein recht eigenwilliges Schnittmuster auf: Konsequent werden die Strubeli auf das eigentliche Markenbild zurückgestutzt, die weissen und die farbigen Randlinien sowie der weisse Markenrahmen fehlen vollständig. Die Eckrosetten werden diagonal halbiert, und schon haben wir den perfekten oktogonalen Strubel.
Erklärungsversuche
Natürlich werfen diese Belege die Frage nach dem künstlerischen Urheber dieser «frühgeschichtlichen Minimal Art» auf. Grundsätzlich sind zwei Hypothesen vertretbar:
1. Der Absender hat sich aus ästhetischen oder wirtschaftlichen (Kennzeichnung als Geschäftsbriefmarken) Gründen zu dieser Spezialbehandlung entschlossen.
2. Ein Solothurner Postbeamter (oder dessen Gehilfe) hat dieses Kunstwerk aus freier Müsse oder aus Ärger über die Unmöglichkeit einer sauberen Markentrennung geschaffen.
Aus dem 23 A-Brief lässt sich der Absender ermitteln: Es ist in der Tat die Geschäftsfirma «LANZANO & Cie ä SOLEURE», die sich gemäss Briefinhalt mit dem Handel von «Trester, Hefenbranndwein und Sprit» beschäftigte.
Durch einen Schriftvergleich bezüglich der Adressen kann nicht unbedingt von der gleichen Handschrift ausgegangen werden. Immerhin fällt auf, dass bei allen drei Adressen die Anrede «Herr(e)n» in deutscher, der Rest jedoch in der heute üblichen französischen Schrift abgefasst wurde
Definitiv kann die Frage wohl (noch) nicht entschieden werden. Vielleicht lässt sich das Rätsel aber mit Hilfe der POSTGESCHICHTE-Leser lösen: Können Sie weitere Minimal-Art-Belege aus Solothurn vorlegen oder kennen Sie die Geschäftstätigkeiten der Herren Hafner in Murten und Haslebacher in Buren? Gespannt erwarte ich Ihre Hinweise. (6)
(1) Hans F. Hunziker, STRUBEL 1854-1862, Bern 1986, Seite 117
(2) Als Ausnahme dieser Regel müssen natürlich die Strubelteilungen (Halbierungen usw.) betrachtet werden. Vielleicht kennt der geschätzte Leser noch andere Schnitt- oder Riss-Kuriositäten. Es wäre zum Beispiel interessant zu wissen, welche Schnittfehler die Post noch tolerierte und ab welchem Schnitt beim Empfanger eine Nachtaxierung erfolgte. Für entsprechende Hinweise wäre ich sehr dankbar.
(3) Vgl. Hans F. Hunziker, a.a.O., Seite 120
(4) Die direkte Postroute von Solothurn über Lyss nach Murten beträgt heute genau 48 km (=10 Wegstunden). Somit wäre das 10-Rappen-Porto eigentlich richtig. Vielleicht wurde 1855 aber ein anderer Verbindungsweg gewählt. Da der Faltbrief inwendig nicht beschrieben ist, musste ursprünglich noch eine Beilage vorgelegen und der Brief könnte deshalb über ein halbes Lot gewogen haben. Der Brief ist bereits in der 6. Corinphila-Auktion 1927 (Los-Nr. 2324) dokumentiert.
(5) Das abgebildete achteckige Fragmant ist Teil einer Briefvorderseite. Die Adresse lautet auf «Herrn A. Haslebacher Buren».
(6) Hinweise und Fotokopien von Belegen (inklusive Inhalt) bitte an Urs Hermann, Militärstrasse 13, 4410 Liestal. Herzlichen Dank!