Institut für europäische Postgeschichte

Das Interesse an Postgeschichte hat einen so enormen Aufschwung erlebt, dass ein Dilemma nicht zu übersehen ist: Die Forschung, von einigen wenigen betrieben, kann mit dem Informationsbedürfnis der Sammler und Händler nicht mehr Schritt halten. Zu oft müssen wir auf Wissenslücken und fehlende Unterlagen verweisen, und viele Anfragen vertrösten. Gleichzeitig wird einsichtig, dass die Sicherung vorhandenen Aktenmaterials und die Registrierung von Briefen einen grossen Aufwand erfordert, der von Einzelnen nicht mehr bewältigt werden kann. Aus diesen Gründen ist die Einrichtung einer Forschungsstelle unerlässlich geworden.
Die Gründung dieses privaten Forschungsinstituts liegt nun bereits zwei Jahre zurück. Dieser Zeitraum wurde benötigt, um einen arbeitsfähigen Organisationsgrad zu erreichen. Deshalb ist bislang auch der Weg in die Öffentlichkeit nur mit Zurückhaltung beschritten worden. Die trotzdem zahlreich eingetroffenen Anfragen haben den Entschluss zur Publizität beschleunigt.
Seit langem wird die mangelnde Kooperation zwischen der historischen Wissenschaft und der Philatelie beklagt. Daher hat sich das Institut die Erforschung der «philatelistischen Postgeschichte» zur Aufgabe gestellt und versteht sich vor allem als notwendiges Bindeglied zwischen beiden Bereichen. Denn die Postgeschichte in der Philatelie läuft ohne diese Vermittlung in die Gefahr eines unsystematischen, ahistorischen und methodisch unreflektierten Dilettantismus. Andererseits blieben für die Wissenschaft eine ungeheure Fülle an Informationen, Zusammenhängen und Quellen ungenutzt.
Dieses Dilemma ist in den letzten Jahren vielfach thematisiert worden, ohne dass daraus greifbare Konsequenzen, etwa in Form einer Institutionalisierung der Postgeschichte gezogen wurden.
Das Feld der Postgeschichte mit seinen vielfachen Bezügen zur Verwaltungs-, Technik-, Sozial-, Verkehrs-, Gesellschafts- und Wirtschaftsgeschichte kann von dieser Institution nicht abgedeckt werden. Deshalb steht die Bearbeitung und Erforschung der «philatelistischen Postgeschichte» im Vordergrund. Damit sind vor allem die historischen Bereiche gemeint, die sich an Briefen, Formularen etc. nachweisen und diskutieren lassen. In diesem Segment herrscht auch die grösste Dynamik, wie das intensive Sammelverhalten, veröffentlichte Beiträge und das rege Marktgeschehen der letzten Jahre zeigen.
Die Arbeit des Instituts ist aber nicht nur als Dienstleistung für Sammler, Händler und Auktionen zu sehen. Es geht besonders um die Anerkennung und Behandlung der Realien (d.h. Briefe etc.) als historische Quelle und Teil eines sozioökonomischen Hintergrundes, denn philatelistische Belege haben weit mehr Aussagekraft als ihnen bisher zu rein illustrativen Zwecken zuerkannt wird.
Dazu bedarf es u.a. der Erarbeitung einer postgeschichtlichen Quellenkunde, die sich zwar an die vorhandenen wissenschaftlichen Methoden anlehnen kann, aber doch spezifischen Anforderungen gerecht werden muss, für die es noch kein Vorbild gibt. So sieht das Institut einen seiner Schwerpunkte in der Beseitigung des vorhandenen Methoden- und Theoriedefizits als Voraussetzung qualifizierter wissenschaftlicher Arbeit.
Vorläufig liegen die Forschungsschwerpunkte im 18/19. Jahrhundert, weil hier in hohem Masse philatelistische Probleme auftreten. Dieser Bereich des Instituts beschäftigt sich mit dem Sammeln und Auswerten von Briefen aus der «Vorphila» und Markenzeit, von Postverträgen , Postverordnungen, Transitrouten und der Analyse von Versendungs-Formen, -Wegen, -Zeiten und -Methoden. Diese Registrier- und Sammelarbeiten sind in einigen Bereichen bereits weit fortgeschritten, erfordern aber auch in Zukunft enorme Anstrengungen, weil weder in der Philatelie brauchbare Briefkarteien existieren, noch durch die Wissenschaft ausreichende Quelleneditionen vorgenommen wurden.
Die zweite Abteilung beschäftigt sich mit dem Bereich Information und Beratung. Hier sind zu nennen: die Veröffentlichung von Forschungsergebnissen, Vorträge und Schulungsveranstaltungen, aber auch individuelle Beratung von Sammlern und Händlern etwa beim Sammlungsaufbau und bei Interpretationsproblemen von Briefen.
Es wäre wünschenswert gewesen, ein solches Institut in ein grösseres Organisationsgefüge einzubinden. Aber weder im universitären Bereich noch bei der Post selbst sind auf absehbare Zeit konkrete Schritte zu einer Etablierung oder Institutionalisierung zu erwarten. Dies ist um so erstaunlicher, als sich für den akademischen Nachwuchs der Historiker hier ein reiches Betätigungsfeld auftut, das im Gegensatz zur ansonsten eher brotlosen Kunst gute Chancen wirtschaftlich verwertbarer Arbeit bietet. Immerhin ist der universitäre Sektor mittlerweile nicht mehr grundsätzlich abgeneigt, wie sich an einer abgeschlossenen Promotion und einer begonnenen Magisterarbeit zeigt. Auch hier wird das Institut seine Bemühungen fortsetzen und derartige Arbeiten initiieren und betreuen.

Anfragen sind zu richten an den Leiter des Instituts für europäische Postgeschichte: Dr. Joachim Heibig, Postfach 810445, D-81904 München, bzw. Grimmeisenstrasse 22, D-81927 München. Telefon/Fax: 089/9578253.